ACUD-Theater in den Medien

Waschinskys General-Anzeiger

Zazie in der Metro mit Puppen

von Peter Waschinsky

20.01.2023


Im Berliner Off-Theater ACUD: „Zazie in der Metro“ von Raymond Queneau ist legendär - als Buch und Film. Entsprechend hoch wäre die Fallhöhe bei Mißlingen der Puppenspielumsetzung.

Die 8jährige Zazie kommt nach Paris, um endlich Metro zu fahren, aber die streikt. Dafür wird Zazie in einen immer verrückteren Strudel von Ereignissen gerissen.

Ein paar Zuschauerinnen kreischen bei fast jedem Satz. Auf Speed? Nein, Puppenspiel-Studentinnen. Aber auch die anderen folgen amüsiert, lassen sich von diesen quasi verpflichtenden Vorlachern nicht blockieren, wie ich es schon erlebt habe.

Die beiden Puppenspielerinnen Odile Pothier und Gerda Pethke sowie Lotta Lechtenberg als outside eye, was wohl Regie meint, setzen den Text höchst einfallsreich um, variieren offenes und verdecktes Spiel mit einigen Gummiköpfen, in denen die Spielerhände stecken. (...)


Großartig, wie Musiker Florian Seefeldt das umgebende quirlige Paris darstellt, den Resonanzraum des Geschehens so erweitert, daß es nicht mehr nur ein Zweipersonenstück ist und der eigentlich trist-leere Bühnenraum gefüllt scheint.

Überhöhung und Unbefangenheit herrscht z. B., wenn beim Mittagessen die Pommes frites wie von Hühnern „gepickt“ werden, reales Essen gar nicht erst versucht wird, und wenn am Ende die Köpfe durch die Luft fliegen, erst im Müll entsorgt, zu Bomben werden – oder wars umgekehrt? (...)


Obwohl auch sie sich im Netz auf so „neumodischen Kram“ wie Physical Theatre beziehen, ist bemerkenswert, wie in ZAZIE das Puppengenre eben NICHT permanent für kurzschlüssige Ideen verlassen wurde, wie bei manchem angesagten Puppenspiel-Regisseur, sondern immer wieder Lösungen im Metier gesucht wurden. Das ja allzuoft Möglichkeiten bietet, wo sie erschöpft scheinen.

Unbefangen blieb auch der Umgang mit heutigen „heißen Eisen“, wenn Zazie kindlich frech Übergriffe durch Erwachsene erfindet – da gabs keine Correctness-Schere.

Etwas verschenkt war für mich zunächst des Onkels Beruf. Als ich damals im Buch las, wie dieser gutmütige ältere Mann seinen Job nannte, war es ein Knaller; jetzt war er einfach nur Cabaret-Tänzer. In der damaligen Übersetzung: „Schönheitstänzerin“.

Wunderbar schräg war dann allerdings sein Show-Auftritt: Die beiden Spielerinnen verrenken sich zu allerlei Getier, das seinen Kopf – des des Onkels - an alle möglichen Körperstellen bekommt. Einschließlich Geschlechtsteil.


Ein Puppenspiel, wie ich es gerne weiterempfehlen würde - aber es wird erstmal nicht mehr gespielt - wohl aus Spielstättenmangel, wie so oft. (...)

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